Betrachtungen zur Wirtschaftmeditation
Die Mediation ist ein praktisches, effektives und intelligentes Instrument unternehmerischen Handelns. Nach dem Erfolg in den USA wird es jetzt auch bei uns immer häufiger eingesetzt, sei es zunächst auch nur, um die Möglichkeiten der Mediation zur Konflikt- und Problemlösung auszuloten.
Die Mediation ist kein Schiedsverfahren, keine Schlichtung, sie gehört also nicht zu der Art von „Quasi-Gerichtsverfahren“, bei denen ein Dritter aufgrund gesetzlicher oder vereinbarter Autorität entscheidet oder Entscheidungen vorschlägt. Mediation ist weniger retrospektive Vergangenheitsbewältigung oder Be-Urteilung abgeschlossener Verfahren und Verhältnisse – und schon gar nicht geht es um Schuldzuweisungen. Die Vergangenheit ist nur insofern interessant, als sich daraus Bausteine für die Zukunft ergeben. Der Blick ist also nach vorne gerichtet und das Vergangene erhält seine Bedeutung nur unter dem Aspekt möglicher zukünftiger Gestaltungen.
Die Mediation ist ein kreatives Kommunikations-Verfahren das neue Einsichtsmöglichkeiten schafft. Der Mediator funktioniert als Medium. Er sorgt für eine jeweils gegenseitig akzeptierbare Kommunikation und macht so den Austausch von Argumenten und Botschaften möglich. So dass sich komplementär-symmetrische Substanz ansammelt, die als Material für Lösungen verfügbar ist. Einseitigkeiten der Beurteilung der Fakten und die Verengung des Begreifens durch ein überzogenes Eigeninteresse müssen durch Annäherung an die Wirklichkeit und deren Zusammenhänge Schritt für Schritt abgeben werden. Es muss ein die beiderseitigen Interessen umfassender Rahmen erarbeitet werden.
Die Aufgabe des Mediatiors ist es, dann als neutraler Impulsgeber ein aktives kreatives Kommunikationsfeld zu schaffen. Dies geschieht zunächst durch die kommunikative Wahrnehmung der Tatsachen und der Zusammenhänge, sowie der Interessen-Positionen und ihrer handlungsbestimmenden Umfeld-Faktoren. Damit verbunden und davon ausgehend ist die Objektivierung kommunikativ zu optimieren.
Vor allem geht es um Offenheit, um die Überwindung von Fixierungen, die gerade durch eine zugespitzte Konfrontation entstanden sind. Durch den Mediator als förderndes Medium muss der Wille wachsen, das gemeinsame zu suchen und es so zu operationalisieren, dass es fachtechnisch praktikabel wird und einen Vorteil für beide Seiten darstellt.
Kurzum, es geht:
- um Optimierung des gemeinsamen Wahrnehmens,
- um objektivierendes Zurechtrücken und Einordnen,
- um die Schaffung von Gestaltungspotential für Lösungen, mit denen die Konfliktvergangenheit überholt werden kann.
Die Mediation hat sich wegen ihrer großen Vorteile besonders bei folgenden Problem-Konstellationen bewährt:
- In Situationen, in denen es aus welchen Gründen auch immer keinen Gesprächszugang mehr gibt. Jede Seite hat Vorstellungen, dass jede Botschaft missverstanden, missdeutet oder gar missbraucht werden könnte. Es herrscht Eiszeit.
- Es besteht die Gefahr destruktiver und chaotischer Eskalation. Schäden und Verwirrung werden um der sogenannten Festigkeit der Position eingenommen.
- Es sind schnelle Entscheidungen dringend nötig.
- Die Sache eignet sich wegen der Gefahr von Imageschäden und Spekulationen nicht für öffentliche Verfahren und Auseinandersetzungen.
- Das Verfahren soll wegen seiner Sensibilität in jeder Phase der Ausgestaltung und Durchführung in der Herrschaft der Parteien bleiben.
- Ein ausufernder Konflikt soll fokussiert und begrenzt werden.
- Umgekehrt kann das Gestaltungspotential erweitert werden z. B. durch Paketlösungen, bei denen durch übergreifende Ausgleichsgestaltungen der Konflikt mitgelöst wird.
- Durch die Art und Weise der Konfliktbewältigung wird auch für die Zukunft Zusammenarbeit weiter möglich sein.
- Auswertung und Nutzung der Erfahrungen des Mediationsverfahrens. Durch Feedback ergeben sich neue Ansätze für die Verbesserung zukünftiger Zusammenarbeit.
- Die Mediation erlaubt tiefer differenzierte Lösungen. Gerichte entscheiden auch über privatrechtliche Konflikte eingebunden und in begrenzter Konkretisierung im Rahmen abstrakterer Gemeinwohl-Abwägungen und des allgemeinen und formalen Wertes des Rechtsfriedens.
- Durch Mediation kann die wesentlich „privater“ und zufriedenstellender sein, da die Interessenlage stärker individualisiert werden kann.
- Auch für etwa nachfolgende Gerichtsverfahren kann eine vorlaufende Mediation äußerst nützlich sein.
Durch die Aufarbeitung des Konflikts lassen sich die Erfolgsaussichten besser einschätzen. Durch die Abarbeitung kann eine rationale Ebene und eine Konzentration des Verfahrens erreicht werden.
Alles in allem:
Die Idee der Mediation ist Ausdruck des Bewusstseins fähig zu sein und sich zuzutrauen, die Verhältnisse untereinander so zu gestalten, dass jeder am ehesten seinen gerechten Anteil erhält, wenn er nach dem gemeinsamen Vorteil sucht. Das ist keine Illusion, sonder Menschheitserfahrung.
Dr. Horst-Ludwig Riemer
Staatsminister a.D.
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